Wie die Verlage überleben können: Zehn Zitate von Ken Doctor

Der klassische Aufbau regionaler Tageszeitungen entspricht im zunehmenden Maße nicht mehr dem Informationsverhalten der Leser. Trotzdem setzen die Zeitungen immer noch auf den früher sehr erfolgreichen Inhaltskanon: erstens internationale Politik, zweitens nationale Politik, dann Kultur, Wirtschaft und zuletzt Lokales.

Damit versieht die regionale Tageszeitung aus der Verleger- und Journalistensicht einen kulturpolitischen Auftrag: dem Leser im Heimatkreis die weite Welt nahe zu bringen. Doch: will das der Leser im iPad-Zeitalter noch?

Ken Doctor ist ein amerikanischer Medienanalyst. Die folgenden Zehn Zitate stammen aus einem Interview mit »Was mit Medien«, 25.11.2010.

1) »Die Leute lesen immer mehr digital. Deswegen wird in den nächsten fünf Jahren einiges bei den Tageszeitungen passieren. Sie werden nicht mehr jeden Tag erscheinen können. Das wird Zeitungen in Städten jeglicher Größe treffen. Wir werden Konsolidierungen sehen. Einige Tageszeitungen werden untergehen.«

2) »Das iPad ist das Phänomen des Jahres. Es wird viele iPads oder andere Tablets unter den Weihnachtsbäumen geben. Wir werden sehen, dass die Leserschaften aller Altersgruppen von Print zu den Tablets wechseln werden. Weil es viel effizienter und ökologischer ist.«

3) »Immer mehr Menschen werden ihre Nachrichten auf den Smartphones lesen. Wir bewegen uns von der Print- und Broadcast-Welt weg und kommen zum Modell “Nachrichten überall”. Wir wollen, dass wir die Nachrichten dort empfangen, wo wir sie gerne lesen möchten.«

4) »Die Verleger müssen sich neue Geschäftsmodelle betrachten, die schon funktionieren. Sie gehören zu einem sehr konservativen Geschäftsbereich. Das liegt daran, dass sie bisher mit einem Modell gearbeitet haben, das sehr erfolgreich war. Sie sollten sich Unterhaltungsmodelle ansehen.«

5) »Verleger müssen sich jetzt für Strategien entscheiden: “wir haben Leser, die uns mögen” oder “die mögen unsere Marke”. Das ist eine gute Gelegenheit. Sie sollen den Lesern die Möglichkeit geben, Zeitungen, Radiosender oder Filme dorthin mit zu nehmen, wohin sie möchten. Der Vertrag zwischen Verleger und Leser ist dann: Ihr bezahlt mich einmal und ich gebe euch die Inhalte dort, wo ihr sie verlangt.«

6) »2010 kümmern sich die Menschen mehr um die Marke, als noch 1998. Sie verstehen, ob es sich um eine lokale, nationale oder internationale Marke handelt, oder ob es eine Zeitung ist, oder eine Presseagentur. Wir haben hier also keine Wild-West-Mentalität mehr. Die Marken werden immer wichtiger, wenn sie es richtig machen. Print- und Verlegermarken müssen jetzt etwas mehr Geld für ihre Zeitung verlangen, um dann den Zugang zu den Inhalten auf all den weiteren Wegen zu gewähren. Wer das macht, wird Erfolg haben. Wem das aber zu kompliziert ist, der wird weggespült.«

7) »Die Filterfunktion von Weltnachrichten durch eine Lokalzeitung ist nicht mehr wichtig. Hyperlokaler Journalismus ist der klügste Weg, diese Funktion zu ersetzen. Die Leute nutzen sowieso nationale Nachrichtenmedien. Was die Tageszeitungen besser können, sind lokale und hyperlokale Geschichten.«

8) »Bisher haben Journalisten oft für eine Publikation gearbeitet. Sie haben für die Publikation geschrieben. Die Publikation hat gedruckt und die Journalisten konnten nach Hause gehen. Heute haben die Journalisten viele Möglichkeiten, um Geschichten zu promoten, man erkennt, dass Twitter ein Distributionswerkzeug ist.«

9) »Jeder entscheidet jetzt selbst, was er liest; nicht mehr, weil ein Redakteur entschieden hat, dies zu drucken oder auszustrahlen. Die Geschichten werden jetzt getwittert, gefacebookt und per Mail verschickt und jemand sagt, dass wir das lesen sollten. Diese diversifizierte Welt erschreckt, kann aber auch Mut machen, wenn ich verstehe, sie funktioniert.«

10) »Die neue Rolle von Verlegern oder Sendern ist es, Talente zusammen zu bringen. Egal, ob es um Düsseldorf, um Technik oder um eine Fußballmannschaft geht. Verlage müssen den Lesern und genauso den Journalisten einen Mehrwert bieten. Das ist für Journalisten die Verteilungsmacht und eine gute Bezahlung. Dazu brauchen wir aber Verleger und Sendermanager, welche die moderne Welt verstehen, den Wert einer guten Journalistenarbeit erkennen und wissen, wie Inhalte heute verbreitet werden.«

(Das vollständige Interview und den Podcast finden Sie unter Interview mit Ken Doctor)

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