iPad App Test: Richard Branson’s „Project“

Die eine iPad-App ist von der anderen nur einen Klick entfernt – es entwickelt sich ein Wettbewerb der E-Magazine. Das neueste ist „Project“, verlegt von Virgin Digital Publishing in Richard Branson’s bunter Virgin Group, die von „Virgin Active“ (Fitness-Studios) über „Virgin Cosmetics“ und „Virgin Galactic“ (Weltraumflüge) bis „Virgin Wines“ knapp vierzig Geschäftsfelder in 200 Unternehmen zählt.

Project ist übrigens bereits Branson’s zweites Magazinprojekt. Das erste hieß „Student“ und erschien vor 42 Jahren – da war Richard Branson zarte 16 und bereits ein taffer Geschäftsmann, wie Anthony Noguera, Chefredakteur, in der einleitenden „Message from HQ“ sekundiert.

Project kostet 2,99 € (US-Ausgabe) und damit genau so viel wie etwa der iPad-Stern.

Die umfangreiche Erstausgabe (etwa 15 Minuten Downloadzeit) präsentiert sich sofort multimedial; das Cover sehen Sie im Video:


PROJECT magazine cover video from PROJECT on Vimeo.

Das Heft navigiert sich tablet-gewohnt; horizontal wechselt man von Artikel zu Artikel, vertikal liest man die einzelnen Beiträge. Wie immer (und das hat wohl mit dem Touchverständnis des Gerätes zu tun) „verstreiche“ ich mich gerne mit dem Finger und wundere mich, warum ich statt der dritten Seite des zweiten Artikels wieder die zweite Seite des ersten Artikels sehe. Soviel zu einem der fundamentalen Unterschiede zwischen Tab- und Printausgabe.

Niedlich möchte ich die Reminiszenzen an Print nennen: Passerkreuze und Farbandruckstreifen zieren das Layout, wobei die Passerkreuze weniger dem Andruck dienen – sie bauen auf Fingertap jederzeit einen Leserbrief auf. Eine kleine weiße Seite mit umgeknickter Ecke erinnert an die Dokumentdarstellung in Adobe’s Indesign, verbirgt jedoch keine printgemäße Ansicht, sondern weiterführende Weblinks. Letztere sind übrigens in großer Zahl vorhanden; Project präsentiert sich hier selbstbewußt als Webkatalog.

Der eingebaute Blog erscheint elegant im Project-Design, enthält aber wenig Einträge. Virgin erklärte, Projekt sei eine Mischung aus Website und Magazin und versprach „kontinuierliche Updates“ auch innerhalb einer Ausgabe.

Die Erstausgabe besteht aus einer schier unendlichen Reihe multimedialer Funktionen. Die zugehörigen (oder sagen wir besser: funktionsunterstützenden) Artikel folgen einer mtv-Anmutung und dürften modernen Postmateriellen wie Herrn Branson selbst sicherlich gefallen.

Der Leitartikel zu Jeff Bridges (60) ist eindrucksvoll videogestützt – Bridges marschiert barfuß am Strand, die Wellen rauschen, während sich die Typo aufbaut. Project lässt Jeff zu seinen früheren Filmen per Audioausgabe sprechen und zeigt den leicht hilflos wirkenden Mimen im Heizraum des Verlagshauses.

Der Astronomiebeitrag über bewohnbare Welten (gehört ja heutzutage in jede bessere Publikation) präsentiert einen drehenden Nachthimmel und zählt die bewohnbaren Welten aus Sicht eines alternden Pop-Konzerns auf: Spock’s Heimatwelt Vulkan etwa ist 16,5 Lichtjahre von der Erde entfernt.

Die Kim-Familie aus Nordkorea zeigt sich im „South-Park“ Design und lässt sich durchtappen; „Ultrazoom“ integriert die iPad – Zweifingertechnik mit einem spektakulären Wasserfall (wobei klar wird, dass beim Zoomen Bilder leider an Schärfe verlieren); „Eat my Dirt“ verwendet Apples Wischfunktion, „Tokyo“ zeigt die Skyline mit wechselndem Himmel …

Man sieht, hier wird kein Kniff ausgelassen; Project lässt sich als Tech-Demo für das Ipad einsetzen und fast vergisst man darüber das Lesen. Inhalte? Journalismus? Aufregende News?

Auch mit vielen Millionen lässt sich aus Virgin so schnell kein Presseverlag machen.

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